Damit nicht nur Männer forschen
Forschendes Frauenteam: Ruth Rieser, Barbara Zollinger, Suzanne Walpen-Christ und Dominique Bürki (v. l.) im Zentrum für kleine Kinder.
Für seine Forschungs- und Fortbildungsarbeit hat das "Zentrum für kleine Kinder" am Freitag den Gleich- stellungspreis der Stadt Winterthur erhalten.
Autor: Von Lisa Ibscher
"In der Logopädie ist es wie in der übrigen Heilpädagogik: Die Männer dozieren, die Frauen praktizieren", sagt Suzanne Walpen-Christ, Geschäftsführerin der "Zentrum für kleine Kinder GmbH". Die leibhaftige Ausnahme sitzt gleich neben ihr: Barbara Zollinger. Sie hat über Spracherwerbsstörungen doktoriert und jahrelang unter anderem an der Uni Freiburg gelehrt. Ihr fällt auf, dass die Forschung geprägt ist von Männern, die nie mit Kindern arbeiteten. "Doch die praktische Arbeit, die zu 95 Prozent Frauen leisten, wird gering geschätzt."
Früh gegen Sprachstörungen
Im "Zentrum für kleine Kinder" an der Merkurstrasse sieht es auf den ersten Blick nicht aus, wie wenn hier wissenschaftliche Lorbeeren zu holen wären. Auf den Teppichböden liegt Spielzeug. Kinder, die nicht reden, kommen aus der ganzen Schweiz und sogar aus dem Ausland hierher. Die meisten von ihnen sind zwei bis drei Jahre alt und werden von ihrem Kinderarzt für eine Abklärung oder Therapie zugewiesen. In der Regel bezahlt die IV. Mit ihrer Idee, Sprachstörungen möglichst früh zu behandeln, haben sich Suzanne Walpen, Barbara Zollinger, Dominique Bürki und Ruth Rieser in den letzten Jahren einen Namen gemacht.
Die Kluft zwischen Theorie und Praxis störte sie jedoch immer mehr. Kurzerhand gründeten die vier Therapeutinnen 1994 eine eigene Firma für Fortbildung und Forschung. Etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit investieren sie in diesen Bereich, der Rest ist therapeutische Arbeit mit Kindern. Auch die übrigen zwölf Frauen und Männer, die hier dozieren, kommen aus der Praxis. Dies ist Bedingung, wie auch die Haltung gegenüber dem Kind. Barbara Zollinger umschreibt sie so: "Dem Kind nicht etwas beibringen wollen, sondern ihm einen Weg zeigen, wie es mit seiner Wahrnehmung in der Welt zurechtkommt." Sie hat aus Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, Gehirn- und Kommunikationsforschung eine Spieltherapie entwickelt, die weit über den Spracherwerb hinausgeht. "Stottern im Vorschulalter", "Sprachtherapie von kleinen Kindern mit Down-Syndrom" - mit solchen Kursangeboten richtet sich das Zentrum an Wiedereinsteigerinnen sowie Logopädinnen, Früherzieherinnen und Ergotherapeutinnen, die sich weiterbilden wollen. Dieses Angebot ist einzigartig in der Schweiz, und die Nachfrage selbstredend: Seit 1995 sind 2300 Plätze in ein- bis dreitägigen Kursen angeboten worden, die durchwegs ausgebucht sind. Meist gibt es Wartelisten.
Von den Einnahmen aus den Kursen, die für die Teilnehmerinnen pro Tag etwa 150 Franken kosten, bezahlen die vier Geschäftsfrauen die Dozentinnen und ihren eigenen Aufwand. Den Rest stecken sie in die Forschung. Dadurch ist 1998 eine erste Publikation erschienen.
Mit den 12 500 Franken, die der halbe Gleichstellungspreis einbringt, wird das Zentrum zum Beispiel ein diagnostisches Hilfsmittel für Logopädinnen mitfinanzieren. "Wääh!", ruft es plötzlich im Flur draussen. "Die Praxis ruft", sagt Barbara Zollinger und verabschiedet sich. Die nächste Therapiestunde steht an.
Gleichstellung: nur 7 Projekte
Der mit 25 000 Franken dotierte Winterthurer Gleichstellungspreis geht dieses Jahr je zur Hälfte an die Frauen vom "Zentrum für kleine Kinder" (siehe Haupttext) und an Ursula Bolli, die Beauftragte für Gleichstellungsfragen an der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW). Nur sieben Projekte wurden eingereicht, obschon die Kriterien gegenüber der ersten Ausschreibung offener formuliert waren. 15 Eingaben waren es bei der Preisverleihung 1998 gewesen.
Ursula Bolli ist Dozentin für Englisch an der ZHW und zu fünf Prozent für Gleichstellungsfragen freigestellt. An der ZHW studieren 222 Frauen und über 1500 Männer. In technischen Studiengängen ist der Frauenanteil sogar null. Das sei weder gesellschaftspolitisch vertretbar noch wirtschaftlich sinnvoll, sagte Bolli gestern Freitag bei der Preisverleihung. Sie wurde ausgezeichnet für ihre Technik-Schnuppertage für Sekundar- und Berufsschülerinnen. Das Preisgeld will sie ebendort einsetzen.
(mgm)
Quelle: Tages Anzeiger Publikations-Datum: 19.6.1999, Seite 18.