Stottern kann das Leben versauen...

Neu: Der Stotter-Typen Test

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  • Hi,

    bin neu hier, erstaunlich, für was es alles Foren gibt.


    Ich stottere, wie alle hier. Ich finde, Stottern ist eines der unangenehmsten Dinge, die ein Mensch haben kann. Wenn ich andere Stottern höre, fühle ich mich gleich komisch und bemitleide die Person sofort, versuche dann selbst gleich das Wort auszusprechen. Da kann man sich denken, wie man selbst auf andere wirkt.


    Ich gebe es zu: Ja, das Stottern ist so mein größtes Problem. Es behindert mein Leben, meine soziale Kompetenz, meinen Willen, mich mit Menschen zu unterhalten. Man könnte sich auch eine Mundklappe anbringen, wäre dasselbe. Und ich weiß nicht einmal, warum es jetzt so schlimm ist.


    Ich habe das Thema Stottern bisher immer verdrängt (bin 25, m), weil ich dachte, dass es auf jeden Fall etwas Psychisches ist, und das halt weggeht, wenn man aus der Depri-Phase raus ist. Ich habe es mir so erklärt, dass ich früher gemobbt wurde in der Schule und schon mein ganzes Leben immer wieder seelische Probleme hatte. Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein hatte ich nie, allerdings habe ich früher nicht gestottert bzw. nicht so offensichtlich wie heute. Während der Ausbildung hatte ich eine schlimme Zeit, ich musste am Telefon arbeiten. Das war jedes Mal eine Herausforderung, mich vorzustellen, weil der Firmennamen mit einem "B" beginnt - eines meiner vielen Buchstaben, die ich nicht sprechen kann. So ziemlich der Schlimmste sogar. Ich kann nicht "Butter" oder "Butterbrezel", das ist für mich einfach unaussprechlich. Deswegen bestelle ich immer nur eine "Brezel", weil mir Konsonantendoppelungen einfacher fallen. Das ist doch wahnsinnig, oder? Man lebt so, als wäre man eine stumme Person, dabei kann man reden.

    Aber dann gab es wieder Zeiten, wo ich plötzlich ganz normal reden konnte, ohne, dass sich an meiner psychischen Wahrnehmung nichts verändert hat.

    Das Argument, man stottere nicht, wenn man sich "ungehemmt" fühlt, kann ich so nicht unterschreiben. Ich stottere auch bei Eltern, bei meinem Freund, bei vertrauten Personen - letztens sogar bei Selbstgesprächen.


    Ich halte auch nichts davon, "offen damit umzugehen". Lasst es lieber. Damit macht ihr es nur noch schlimmer. Wenn da kein Bomben-Selbstbewusstsein dahintersteckt, dann kann das in die Hose gehen. Dann will keiner mit euch reden. Mein Onkel stottert, er blinzelt dann so schnell und macht eine bestimmte Handbewegung. Sein Sohn stottert ebenfalls, aber etwas härter. Beide versuchen immer so verkrampft, das Wort auszusprechen, was sich dann zunehmend unangenehm anhört. Das finde ich bei Stotterern nicht gut. Dann sagt man lieber gar nichts, anstatt das Wort so zu ziehen, dass man am Ende gar nichts versteht.


    Momentan ist es ganz schlimm. Ich habe eine neue Stelle angefangen, wo ich praktischerweise reden können sollte. Es ist echt seltsam. Bei Vorstellungsgesprächen oder in so Frontal-Situationen kann ich komischerweise flüssig sprechen, es schleichen sich ganz leichte Dopplungen ein, die aber nicht so auffällig sind. Es ist oft so, dass ich dann entweder gar nichts sage oder mir vorher immer kurz überlege, wie ich das am besten sage. Der Anfang ist immer das Schlimmste. Buchstaben wie B, G, D, W, N, L - eben die härteren Töne, kann ich kaum sprechen. Mir ist letztens aufgefallen, dass ich das Wort "Netflix" nicht sprechen kann. "Spotify" dafür aber schon. Na, ja. Beim letzten Kollegengespräch konnte ich dann eben nicht sagen, was mir bei Netflix alles gefällt, weil die Serien, die ich mag, alle unaussprechlich sind. Das ist doch wahnsinnig, oder? Wenn man mal darüber nachdenkt.


    Was will man denn damit machen? Damit versaut man sich doch das Leben und vor allem die Karriere. Sobald das jemand merkt, dass man stottert, war's das. Jegliche Arten von Sprechschwierigkeiten wie Lispeln, Sch-Laute etc. werden bereits als unangenehme Makel angesehen. Erst recht, wenn jemand gar nicht sprechen kann.


    Freitag hatte ich eine sehr peinliche Situation. Eine hat mich nach meinem Alter gefragt. Na, ja "Fünfundzwanzig" ist eben so ein gemeines Wort, dann habe ich das so geschachtelt gesagt "Fü-fühünfundzwanzig". Alle haben ganz normal reagiert, vielleicht haben die das nicht so gehört, weil wir im Restaurant waren oder dachten "Ok der ist neu und schüchtern" - verkacken kann man sich damit aber schon einiges. Stottern signalisiert soziale Schwächen.


    Ich weiß gar nicht, ob das meinem gewöhnlichen Umfeld so auffällt. Ich versuche oft, Dinge anders zu sagen, Synonyme zu finden, Sätze umzustellen oder so Lautmalerei einzufügen "Ähhm... ich bin... hmm... 25 Jahre alt und gehe hmm...". Das ist natürlich bescheuert, kommt so rüber, als sei man total durch den Wind.


    Ich finde das einfach so unfair. Ich könnte so viel sagen und normal reden, aber ich kann nicht.


    Man kann nur hoffen, dass es halt einfach irgendwann von selbst verschwindet. Wie gesagt, es ist nicht in jeder Gelegenheit so, manchmal kann man auch normal reden oder sagt plötzlich Dinge, wie aus der Pistole geschossen.


    Ich glaube, das "Geheimnis" ist, dass man sich keine großen Gedanken machen sollte, was man wie sagt, sondern einfach drauf los.

  • Hallo EarlyWinter,

    ich fühle mit dir, aber in Selbstmitleid versinken und hoffen das es von allein verschwindet ist keine Lösung.

    Hast du mal eine Therapie besucht? Würde mich interessieren welche Erfolge du erzielt hast.

    Ich kann die Intensität deines Stottern's nicht einschätzen aber für mich hört sich das so an als würdest du mit eine bisschen Übung sehr flüssig werden können.

    Eine letzte Sache noch, du versuchst Menschen mit Tipps zu helfen in dem du schreibst sie sollen aufhören zu reden wenn es das stottern kommt, aber das ist finde ich falsch.

    Genau dieser offene Umgang von dem du sprichst ist der richtige Ansatz, andernfalls kann es passieren dass dieses Stottern einen noch mehr in den Würgegriff nimmt. Nicht umsonst beruhen die meisten Therapieansätze darauf stottern nicht zu vermeiden sondern zu akzeptieren.

    Gruß