Hallo, Dicimania!
Ich habe was gefunden, das Deine Frage beantworten kann. Ich stelle es einfach komentarlos rein:
Der Valsalva-Mechanismus
Ein Schlüssel, das Stottern verstehen und kontrollieren zu können
von William D. Parry
Gründer, Bezirksleiter Philadelphia
der National Stuttering Association
Copyright 1997 – William D. Parry
Englischer Originaltext im Internet unter: http://members.aol.com/wdparry/valsalva.htm
Übersetzt von Roland Pauli
Meinen Dank an alle, die daran mitgewirkt haben.
Warum ist Stottern üblicherweise gerade dann am stärksten, wenn die Worte am wichtigsten sind? Dieser Artikel erklärt, wie eine natürliche Körperfunktion – der Valsalva-Mechanismus – unsere Sprechversuche in starke Stotter-Blocks lenken kann, die wir unbedingt vermeiden möchten. Es wird erläutert, wie uns eine Kombination aus physischen und psychischen Faktoren in einen “Valsalva-Stotter-Kreislauf” bringen kann – einen Teufelskreis, der Stottern verursachen und aufrecht erhalten kann, ebenso wie unsere Bemühungen, Sprechflüssigkeit zu erlangen, sabotiert werden.
Dieser Artikel beruht auf einer Präsentation durch den Autor auf dem Weltkongress für Stotternde in Linköping, Schweden, am 29. Juli 1995. Es handelt sich um eine kurze Einführung in die “Valsalva-Hypothese”. (Weitere Informationen in: “Understanding and Controlling Stuttering: A Comprehensive New Approach Based on the Valsalva Hypothesis.)
I. Vorwort
Es ist mir eine große Ehre, dass Sie mich hier auf den Weltkongress in Schweden eingeladen haben, um zu Ihnen zu sprechen. Wie Sie wissen, komme ich aus den USA, wo ich Leiter des Bezirkes Philadelphia des National Stuttering Project bin. Von Beruf bin ich Rechtsanwalt. Die große Leidenschaft in meinem Leben ist das Geheimnis des Stotterns – seit meinem 4. Lebensjahr kämpfe ich hiermit.
Viele Jahre habe ich mich einer großen Vielzahl von Therapien unterzogen – ohne bleibenden Erfolg. Etwa vor 15 Jahren hatte ich dann endgültig alle Therapien aufgegeben, um meine eigenen Forschungen mit diesem Problem voranzutreiben.
Es war offensichtlich, dass mein Sprechmechanismus grundsätzlich in Ordnung war. Früher hatte ich auf der Hochschule Rhetorik-Unterricht genommen und gelernt, eine Rolle vor dem Publikum zu spielen, in der ich völlig flüssig sprechen konnte. In anderen Situationen schien es jedoch so, als ob eine starke Kraft mein Sprechen wie in einen Schraubstock zwängte und so meine Blocks verursachte. Mein Problem war weniger der Mangel an Fähigkeit zu sprechen, sondern vielmehr eine Störung meiner Sprechfähigkeit. Ich vermutete, dass diese behindernde Störung von Natur aus physisch war, aber wohl durch psychische Faktoren ausgelöst werden konnte.
Nach eingehender Überprüfung medizinischer Literatur, Beratungen mit professionellen Forschern und persönlichen Experimenten glaube ich nun, die ursächliche Kraft hinter dieser Störung der Sprechfähigkeit gefunden zu haben. Es handelt sich um einen normalen Körpermechanismus, den wir täglich nutzen, ohne im geringsten darüber nachzudenken. Es ist der Valsalva-Mechanismus. Dieser Mechanismus besteht aus einer Gruppe von Muskeln im ganzen Körper, die neurologisch koordiniert sind und gemeinsam das Valsalva-Manöver ausführen.
II. Das Valsalva-Manöver
A. Demonstration
Man kann das Valsalva-Manöver erleben, wenn man folgende Übung macht. Stehen Sie auf, krümme Sie Ihre Finger und verhaken Sie beide Hände vor dem Brustkasten zusammen. Atmen Sie tief ein. Versuche Sie jetzt, die Hände mit aller Kraft auseinander zu ziehen, aber ohne dieses tatsächlich zu tun. Ziehen Sie ganz stark.
Was stellt man fest, während man zieht? Merken Sie, wie sich die Muskeln im Brustkasten und im Bauch anspannen? Und was spürt man in der Kehle? Merken Sie, wie sich Ihre Kehle verschließt?
Wiederholen Sie die Übung noch einmal. Ziehen Sie mit beiden Händen wirklich sehr kraftvoll und versuchen Sie, das zu fühlen. Bemerken Sie, dass sich Ihre Kehle umso mehr verschließt, je stärker Sie ziehen? Dieses Verschließen findet genau dort statt, wo ihre Stimme produziert wird – im Kehlkopf.
Jetzt noch einmal, aber nun beginnen Sie, indem Sie Ihre Lippen schließen und sich vorstellen, dass Sie ein “ P ” sagen wollen. Jetzt wieder die Hände so stark wie möglich auseinander ziehen. Was merken Sie an den Lippen? Spüren Sie, wie sich Ihre Lippen fest zusammenpressen?
Jetzt schauen Sie einmal, was passiert, wenn Sie die Zungenspitze oben hinter die Schneidezähne nehmen und sich vorstellen, Sie wollen ein “ T ” sagen. Tief einatmen und fest ziehen. Spüren Sie, wie Ihre Zungenspitze stärker presst? Kommen Ihnen diese Kräfte bekannt vor?
Sie haben das Valsalva-Manöver ausgeführt. Die Bezeichnung kommt von Anton Maria Valsalva, einem italienischen Anatomen, der von 1666 bis 1723 lebte. Obwohl diese Erkenntnis der Medizin und der Wissenschaft schon seit mehr als 200 Jahren bekannt ist, wurde dieses Wissen von Sprechtherapeuten fast komplett ignoriert.
B. Die Funktion des Valsalva-Manövers
Der Zweck des Valsalva-Manövers ist die Erhöhung des Luftdrucks in der Lunge, sodass man mehr Körperkraft entfalten oder etwas aus dem Körper heraus befördern kann.
Es passiert Folgendes: Die Bauchmuskeln spannen sich an, pressen die Eingeweide und Organe in die Bauchhöhle, sodass sie nach oben gegen das Zwerchfell drücken – den kuppelförmige Muskel, der die Bauchhöhle vom Bereich des Brustkastens trennt. Das führt dazu, dass sich das Zwerchfell nach oben wölbt und den Brustkasten zusammenpresst. Bestimmte Muskeln in Brustkasten spannen sich ebenfalls an, um den Brustkorb nach unten zu drücken, was den Brustkasten noch mehr unter Druck setzt.
Inzwischen hat sich der Kehlkopf entsprechend seiner neurologischen Programmierung fest um den oberen Luftweg geschlossen, damit die Luft aus der Lunge nicht entweichen kann. Je mehr die Bauchmuskulatur drückt, desto größer wird der Luftdruck in der Lunge, und umso fester schließt sich der Kehlkopf. Der Kehlkopf erfüllt damit eine seiner Hauptfunktionen, wozu er überhaupt vorhanden ist: den Anstrengungsverschluss.
Wir alle kennen die andere Funktion des Kehlkopfs: die Laut- und Stimmbildung.
Wenn im Kehlkopf die Stimmbänder über dem Luftstrom sanft zusammengebracht werden, entsteht der Klang unserer Stimme. Aber wenn der Kehlkopf während eines Valsalva-Manövers den Anstrengungsverschluss ausführt, dann verhält sich dieser ganz anders. Der gesamte Innenbereich des Kehlkopfs schließt sich fest, wie z.b. eine Faust, um dann den Luftweg vollständig zu blockieren. Wie man bei den Übungen merken konnte, können sich die Lippen und die Zunge ebenso verhalten. Wenn Ihre Lippen oder die Zunge zu Beginn eines Valsalva-Manövers den Luftweg blockieren, so werden diese Anstrengungen automatisch fortgesetzt, um den Verschluss zu verstärken, fester und fester, sodass die Luft nicht entweichen kann.
Warum macht der Körper das? Der durch das Valsalva-Manöver in der Lunge erhöhte Luftdruck hilft uns, Körperkraft effizienter auszuüben. Haben Sie schon einmal bemerkt, wie ein Gewichtheber “den Atem anhält", wenn er sich anstrengt, um ein schweres Gewicht über seinen Kopf zu heben? Das ist ein Valsalva-Manöver. Der Luftdruck in seiner Lunge hält den Brustkasten und die Schultern fest und steif, sodass seine Arme eine kräftigende Unterstützung haben. Auf diese Weise kann er seine gesamte Energie auf das Heben des Gewichts konzentrieren. Anderenfalls würde ein Teil seiner Kraft verloren gehen, wenn Brustkasten und Schultern nachgeben würden.
Das Valsalva-Manöver hilft uns auch, Dinge aus dem Körper zu befördern. Die bekanntesten Beispiele sind Stuhlgang, Urinieren und der Geburtsvorgang. Hierbei hilft der Luftdruck und stabilisiert das Zwerchfell, sodass die Bauchmuskulatur Dinge aus der Bauchhöhle besser herausdrücken kann. Zu Beginn des Stuhlgangs entspannen sich die Rektal- und Analmuskeln und die Stuhlausscheidung kann erfolgen. Wenn jedoch z.b. beim Heben von Gewichten der Stuhlgang nicht erwünscht ist, spannen sich diese Muskeln an, um zufälligen Stuhlabgang zu verhindern.
Alle diese Muskeln sind Teil des Valsalva-Manövers. Sie sind über unser Nervensystem als “Team” miteinander verbunden. Sie sind neurologisch so koordiniert, dass sie sich gleichzeitig und auch im richtigen Kräfteverhältnis zueinander anspannen.
C. Ähnlichkeiten mit dem Stottern
Als ich vom Valsalva-Manöver erfuhr, fiel mir sofort die Ähnlichkeit mit den kraftvollen Verschlüssen auf, die während der Stotter-Blocks auftraten. Der Anstrengungsverschluss des Kehlkopfs fühlte sich genauso an wie das, was passierte, wenn ich bei einem Wort mit einem Vokal am Anfang einen Block hatte, wie z.b. bei “a-a-a-a-Ähre.”
Um das zu untersuchen, ging ich zu einem Facharzt, der mit Hilfe von Fiberglastechnik in meinem Kehlkopf Videoaufnahmen machte. Tatsächlich stellten wir fest, dass beide Verschluss-Arten exakt gleich aussahen. Die kraftvollen Verschlüsse meiner Lippen und der Zunge waren mit meinen Blockaden bei Konsonanten identisch.
Plötzlich erkannte ich, was ich die ganze Zeit während eines Blockes gemacht hatte: ein Valsalva-Manöver.
III. Hinweise auf das Paradoxe beim Stottern
Diese Erkenntnis ließ das Stottern in einem ganz anderen Licht erscheinen und veränderte mein Leben. Einige paradoxe Eigenheiten des Stotterns, die mich so viele Jahre besonders frustriert und verwirrt hatten, sind mir dadurch klar geworden.
Zum Beispiel: Warum stottert man in einigen Situationen mehr als in anderen? Man spricht üblicherweise flüssiger, wenn man mit sich selber oder mit anderen Stotternden spricht oder wenn man Unwichtiges sagt. Das Stottern wird allgemein stärker, wenn man mit Autoritätspersonen spricht oder mit anderen Personen, bei denen man das Gefühl hat, ihnen gefallen zu wollen oder beeindrucken zu müssen. Wenn einzelne Worte exakt richtig ausgesprochen werden müssen, wie der eigene Name oder auch die Pointe bei einem Witz, schlägt das Stottern für gewöhnlich besonders hart zu.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich es immer leichter fand, das falsche Wort zu sagen, was das auch immer war, als das präzise Wort, das am besten passte. Wenn das Telefon ging, konnte ich nicht einfach “Hallo” sagen. Um es richtig herauszubringen, musste ich “Ja, hallo” sagen. Aber eines Tages, als ich einen Anruf entgegennahm und den Telefonhörer gerade aufgenommen hatte, sagte der Anrufer am anderen Ende unverzüglich: “Hallo, ist dort Bill Parry?” Plötzlich konnte ich nicht mehr “Ja” sagen. Stattdessen musste ich sagen: “Hallo, ja, hier Bill Parry.”
Das Valsalva-Manöver kann helfen, dieses zu erklären. Alle diese Beispiele betreffen Umstände, bei denen man meint, dass die Worte selbst besonders wichtig sind oder wir erwarten, dass das Aussprechen schwierig sein wird. Das sind genau die Momente, wenn wir meinen, dass eine spezielle Anstrengung nötig sein wird. Das wären dann genau die Momente, wo wir am häufigsten das Valsalva-Manöver aktivieren würden – was natürlich unbewusst geschieht, wenn wir uns anstrengen.
Eine weitere paradoxe Seite des Stotterns ist der übermäßige Aufwand an Kraft und Anstrengung, den wir beim Versuch zu sprechen brauchen. Flüssiges Sprechen benötigt aber eigentlich sehr wenig körperlichen Einsatz. Die deutliche Aussprache von Worten wird durch sanfte Bewegungen der Lippen und der Zunge erreicht, die leicht berühren und sich dann schnell wieder entspannen. Im Gegensatz dazu pressen die Lippen, Zunge oder der Kehlkopf viel stärker und länger, als es zum Sprechen nötig ist. Paradoxerweise wird unsere Anstrengung, die Worte herauszubringen zu dem Hindernis, das wir eigentlich überwinden wollen.
Ich selbst habe die meiste Zeit meines Lebens mit diesem Paradoxon gerungen. Zum Beispiel wusste ich, wenn ich mit meinem Auto fahren wollte, dass ich das Gaspedal bedienen musste – nicht auf die Bremse treten. Aber beim Sprechen war es exakt das, was ich tat – stärker und fester mit Lippen und Zunge pressen und dann sich wundern, warum es mit dem Sprechen nicht voranging. Egal wie sehr ich versuchte, die Nutzlosigkeit meiner Bemühungen durch Überlegungen zu erfassen, ich befand mich weiter in der Verlegenheit, keine Kontrolle darüber zu haben. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass Kraft und erhöhter Luftdruck das einzig Richtige waren, auch wenn ich beim Sprechen mehr Blocks als je zuvor hatte.
Das Valsalva-Manöver löst dieses Rätsel. Es ist ein Körpermechanismus, der exakt das ausführte, was bei meinen Blocks passierte. Das Valsalva-Manöver könnte das Richtige sein, denn dieser ist unsere unbewusste Reaktion, wenn wir uns körperlich anstrengen oder versuchen, Dinge aus dem Körper zu befördern.
IV. Die Valsalva-Hypothese
Diese Beobachtungen veranlassten mich, eine Theorie aufzustellen, die ich die Valsalva-Hypothese nenne. Kurz gesagt deutet meine Hypothese darauf hin, dass Stotter-Blocks womöglich eine neurologische Verwirrung zwischen Sprechvorgang und dem Valsalva-Mechanismus darstellen. Diese Verwirrung würde demnach bevorzugt dann eintreten, wenn wir besonders gut sprechen oder Wörter herauspressen wollten.
A. Neuromotorische Einstellung
Wie könnte solch eine Fehlverschaltung zwischen Sprechen und dem Valsalva-Mechanismus entstehen? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass jede körperliche Aktivität, ebenso das Sprechen, durch eine neurologische Einstellung eingeleitet wird, welche die Muskeln kontrollieren, die für die spezielle Bewegung benötigt werden. Diese Einstellung macht einige Neuronen mehr, andere wiederum weniger empfindlich für den auslösenden Impuls, der dann die eigentliche Bewegung startet.
Sinngemäß sagt das Gehirn zu einigen Neuronen: “Achtung! Fertigmachen zum Anspannen Eurer Muskeln beim nächsten Kommando!” Zu anderen sagt es: “Entspannt euch. Nicht auf das nächste Kommando hören, denn das ist nicht für euch bestimmt.” Einen Bruchteil einer Sekunde später kommt dann über dieselbe Leitung das Startsignal. Die Neuronen und ihre Muskeln reagieren oder reagieren nicht, je nach dem Grad der Empfangsempfindlichkeit.
Man kann dieses Prinzip selbst demonstrieren, wenn man das mit Freunden durchspielt. Zunächst erklärt man ihnen, worum es geht, indem man verschiedene Muskelgruppen anspannt, z.b. mit der Hand eine Faust machen oder auch anderes, wie mit dem Finger zeigen. Dann sollen die Freunde eine Faust machen, und zwar so schnell wie sie können, wenn Sie das Kommando: “jetzt!” geben.
Zuerst geht es um ihre Aufmerksamkeit mit: “Fertigmachen, um eine Faust zu machen.” (Das ist wie das Einstellungs-Signal.) Dann sagen Sie: “jetzt!” (das ist wie das Startsignal), während Sie selbst eine Faust machen. “Nicht schlecht”, sagen Sie dann zu ihnen, “aber das war nicht schnell genug. Wir versuchen es nochmals.”
Wiederholen Sie diese Übung einige Male, sodass jeder damit vertraut ist, so schnell wie möglich eine Faust zu machen. Danach sagen Sie ihnen nochmals: “Fertigmachen, um eine Faust zu machen”, sagen dann aber plötzlich: “mit dem Finger zeigen!” und strecken den Zeigefinger aus.
Sie werden sehen, dass die meisten Leute dann reflexartig eine Faust machen – denn darauf sind ihre Nerven und Muskeln neurologisch vorbereitet. Genauso ist es beim Sprechen, wenn man das Gefühl hat, dass man sich besonders anstrengen muss. Dann könnte es sein, dass der eigene Körper neurologisch auf das Valsalva-Manöver statt auf den Sprechvorgang eingestellt wird.
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