Liebe Ellena,
ähnliches habe ich mit meinem Sohn auch erlebt. Als er drei Jahre alt war, begann er plötzlich das Stottern. Ich hatte es gerade einigermaßen im Griff und für meine damalige Frau war die Situation mit Johann Niklas so etwas wie ein böses Omen; sie geriet in Panik. Eine Bekannte, die den Stotteranfall meines Sohnes mitbekam, meinte, wir sollten sofort mit dem Jungen zum Logopäden, wir müssten unbedingt etwas tun.
Da ich aber selbst eine schier endlose Therapiegeschichte hinter mich gebracht hatte und zu dieser Zeit die Hintergründe des Stotterns nach und nach zu begreifen begann, leuteten in mir sämtliche Alarmglocken und mein erster, klarer Gedanke war: "Finger weg von dem Jungen! Er darf jetzt nicht nicht den Eindruck gewinnen, dass er etwas >falsch< gemacht hat!" Also nahm ich den Kleinen geschwind auf den Arm und stellte ihm eine Frage, die ihm den gestotterten Begriff - als Frage formuliert - zur selbstverständlichen Antwort in den Mund legte. Mein Sohn wiederholte das Wort daraufhin einwandfrei und seine Aufregung - er hatte das erste mal in seinem Leben eine echte Lokomotive hautnah sehen können - legte sich. Heute, mit 13 Jahren, spricht er VÖLLIG normal.
Beispiel
Kind zappelt und sagt aufgeregt: Da, da eine Lolololololokomotive ...
Ruhige, erstaunt klingende Antwort: Was ist da? Eine Lokomotive?
Kind: Da, eine Lokomotive.
Mein Sohn hatte in den folgenden Jahren noch einige Male Stotterereignisse in seinem Sprechen, die ich nach dem obigen Beispiel behandelte. Auch kam während dieser Zeit von ihm selbst des öfteren die Frage "Papa, stottere ich?" Meine Antwort: "Ach was, Du sprichst ganz normal. Weißt du, alle Menschen sagen Wörter manchmal zwei- oder dreimal nacheinander oder versprechen sich. Aber deswegen sind sie keine Stotterer. Und du sprichst auch ganz normal."
Hintergrund
Meiner Erfahrung nach ist Stottern etwas, das sich auch bei "Normalsprechern" immer mal wieder während des Sprechens ereignet. Es ist also nichts ungewöhnliches. Problematisch wird es, wenn man diese Stotterereignisse als "nicht normal" oder als "Versagen" wahrnimmt und als Fehler im Unterbewusstsein abspeichert. Dann kommen beim Sprechen immer wieder Versagensängste bzw. "Ich bin nicht normal"-Gedanken hoch und die "Sprechautomatik" läuft fehl. Dies zu verhindern sollte das Bestreben der Personen im unmittelbaren Umfeld des Kindes sein. Das wichtigste dabei ist, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, es ist völlig O.K., wenn man sich verspricht oder vor Aufregung nichts rausbringt; das hat JEDER Mensch!
Geduld und ständiges Wiederholen dieser Botschaft sind dabei sehr wichtig. Das Kind darf auf keinen Fall das Gefühl bekommen, nicht "richtig" zu sein. Es kann auch noch bis nach der Grundschule immer wieder zu solchen Fragen der Kinder kommen, denn man verspricht oder verhaspelt sich ständig. Vorallem als Kind. Es wäre gut, wenn wir uns mal darüber unterhalten könnten, dann kann ich Dir die Hintergründe ausführlicher erklären. Ruf einfach mal an (02334-502810), gegebenenfalls öfter versuchen. Da Du leider keine E-Mail-Adresse hier im Forum veröffentlich hast und keine weitere Kontaktmöglichkeit besteht, kann ich nur hoffen, dass Du noch heute diese Antwort liest und anrufst, denn ab morgen bin ich eine Woche lang im Schwarzwald beim Stotterer-Training.
Liebe Grüße
Hans
P.S.: Über Pfingsten waren sicher viele Leute verreist. Darum kann es auch mal sein, dass "man in diesem Forum eine Antwort etwas später bekommt". Wie gesagt, GEDULD und POSITIVE Gedanken sind die Schlüssel zum Glücklichsein.