Wo findet man als depressiver Stotterer Hilfe?

  • Hallo.


    Jedenfalls nicht in der Stotterer Selbsthilfe, soviel habe ich in den letzten Jahrzehnten mitgekriegt. Scheint so, als ob ich mich in einer Grauzone befände. In einer Minderheit innerhalb einer Randgruppe. Ich habe jedenfalls in 50 Therapiejahren noch keinen Stotterer kennengelernt, der sein Leben vom stottern hat beeinflussen, bzw. sich von seinen Lebenszielen hat abhalten lassen. Möglich, nein ich bin so gar sicher, dass es noch viele andere wie mich gibt, doch sie verstecken sich, trauen sich nicht unter Menschen. Sie erleben andere, erfolgreiche Stotterer, die sich sprachlich, beruflich und sozial behaupten konnten und fühlen sich unverstanden. Vielleicht ist ja auch die Stottererszene nicht die richtige Umgebung für depressive Stotterer.


    Ich vermute, ihr seid hier alle Einzelkämpfer. Soll heißen, es gibt in eurem unmittelbaren Umfeld keine anderen Stotterer. Es sei denn, ihr seid Teil einer SHG. Hat trotzdem jemand einen Tipp für mich, wie ich Stotterer, ich nenne es mal, aus meiner Liga, ausfindig machen kann, zwecks Erfahrungsaustausch?


    Räusper, "aus meiner Liga"


    Ich habe bewusst die Kurzversion gewählt, könnte es noch mit zig Beispielen untermauern. Ihr braucht euch nur eines vor Augen zu halten. Blickt bitte mal auf euren derzeitigen Lebensstand. Wo steht ihr heute, trotz eventuellem Hohn und Spott in (jüngster) Vergangenheit? Habt ihr Menschen um euch, die euch zur Seite stehen? Diese Frage reicht bereits, um den Unterschied aufzuzeigen. Ich erwarte gar nicht, dass ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt. Ich bin schon dankbar, wenn ihr die Akzeptanz, die ihr euch von Nichtstotternden wünscht, auch meinen Begleitsymptomen zukommen lassen würdet.


    Gruß, Jürgen

  • Ich denke mal die depressiven Stotterer werden gar nicht mal so selten sein.

    Ich nehme z.B. schon seit Jahren ein Antidepressivum.

    Leider haben solche Medikamente die Angewohnheit die Sehfähigkeit zu reduzieren,weshalb ich teilweise schon Schwierigkeiten habe,selbst mit Brille,eine Zeitung zu lesen.


    Na ja,nächstes Jahr will ich das ausschleichen,muss ja auch mal ohne gehen.


    mfg

  • Lieber Jürgen, lieber Alex,


    ich kenne mehrere Stotterer, die Antidepressiva genommen haben und denke, dass es nur in schwerwiegenden klinischen Fällen sinnvoll ist. Die Nebenwirkungen sind oftmals einfach zu groß. Ich arbeite in meinen Seminarenmit Achtsamkeitstraining, Meditation und klassischer Selbsterfahrung. Die Resultate sprechen für sich. Es ist kein Königsweg im Sinne von "es hilft immer sofort und auf ewig", aber die Lebensqualität, die innere Haltung und die Selbstakzeptanz verbessern sich dadurch meist gravierend.


    Seid herzlichst gegrüßt!

  • Hallo ihr Beiden.


    Depressionen in der Stottererszene sind so individuell wie das stottern selbst. Jede(s) ist anders. Mal schwer, mal leicht. Antidepressiver habe ich früher auch genommen, doch sie schlugen bei mir nicht auf die Augen, sondern auf die Hüften.=O Puh, was sah ich aufgedunsen aus. Das mache ich nie wieder. Außerdem hatten sie bei mir keine Wirkung.


    Es geht mir nicht um die Wahl zu Germanys next top Stotterer oder darum, wen es am schlimmsten getroffen hat, sondern es geht um Vergleiche, um eigene Erfahrungen, wie das Umfeld auf einen reagiert, wie man andere mit seinem Verhalten lenkt und beeinflusst, was wiederum einen selbst beeinflusst usw. Man kann da nicht ein einzelnes Element herauspicken, sondern muss es als ganzes sehen. Nur weil ich eine Sprachtherapie absolviere, sind die Menschen nicht mit einem mal netter. Nein, sie ändern ihr Verhalten, ihre raue menschliche Natur nicht, und das hat zumindest mich unten gehalten.


    Vielleicht liest das ja irgend wann noch jemand, findet sich in meinen Postings wieder und schreibt mir ne kurze Nachricht in mein Postfach.


    Gruß, Jürgen

  • Ja,dass man von den Medikamenten zunimmt ist normal,ich hab mein Essverhalten umgestellt und diesbezüglich eine Waage.


    Ich denke dir muss erst mal egal sein,was andere von dir und deinem Stottern halten.

    In der Sprachtherapie ist das ja der erste große Schritt,sprich die Desensibilisierung.

    Die fällt auch allen am schwersten.


    Die Angst zu Stottern wenn man spricht,wirkt sich noch mal negativ auf das eigentliche Stottern aus.

    Wird sie weniger,wird das auch mit deinem Stottern so sein.

  • Wollte zumindest noch kurz antworten. ich bin natürlich ganz anderer Meinung, und das wird wohl keinen Leser hier wundern. Könnte man mit 2 Extremen vergleichen, wie Schalke vs. BVB. :biggrin: Puh, was mir schon an Wut und aggressivem Verhalten anderer Stotterer entgegen geschlagen ist. Damit meine ich nicht dich, sondern das bezieht sich auf die vergangenen Jahrzehnte. Ganz egal, warum ein Stotterer es nicht geschafft hat, den Weg in die Desensibilisierung zu gehen, Verständnis ihm gegenüber ist das absolute Minimum, aber weit gefehlt. Ich glaube, das härteste, was mir mal ein Stotterer in einem Psychoforum schrieb "Hör auf zu jammern, mach ne Therapie, und gut ist`s". So viel Aggressivität sucht schon Ihresgleichen.


    Ich will hier nicht den Freud geben oder so, aber ich vermute, dieses Verhalten ist das Ergebnis anderer Leute Hohn und Spott. Da bleibt natürlich was hängen. Anders kann ich mir so ein Verhalten nicht erklären. Okay, Vielleicht finde ich ja noch Gleichgesinnte, die mit mir auf einer Wellenlänge sind. Denn so macht Selbsthilfe richtig Spaß.

  • Direkt in einem Forum darauf angesprochen, schrieb mir jemand, Stotterer machten deswegen einen großen Bogen um das Thema Psyche, weil es sie nur noch mehr runter zöge. Okay, habe ich erst von da an verstanden und akzeptiert. Doch euer Weg ist nicht meiner. Ich wünschte, es gäbe eine Psycho-Untergruppe, wie z.B. die Flow-Gruppe, die speziell für junge Stotterer erschaffen wurde. Aber zurück zu deinem Post.


    Jedes mal, wenn ich auf andere Stotterer traf, egal ob in anderen Foren, in Gruppentherapien, in SHG`n , auf Infoveranstaltungen, jedes mal die gleichen Reaktionen. Man sieht mir den Lebensstress an. Jeder weiß, dass mit mir etwas nicht stimmt. Natürlich sind wütende Reaktionen die absolute Ausnahme, und dabei kam auch einiges zusammen. Doch die häufigsten Reaktionen sind Verwunderung und Unverständnis.


    Verwunderung, weil ich in den SHG nahezu fehlerfrei sprach, genauso wie in Gruppentherapien.

    Unverständnis, warum ich aus diesen sprachlichen "Fähigkeiten" nicht mehr heraus geholt habe.


    Stellvertretend sei mal die Reaktion eines Paderborner Stotterers an deren Info Stand in der Einkaufsstraße genannt, zu dem ich mich mit meiner Frau gesellt habe. Meine ganze Art, meine Körpersprache und Mimik, trieb ihn dazu, meiner Frau zu sagen: "Dein Mann muss nicht glauben, hier Freunde für`s Leben zu finden". Sie hat es mir hinterher erzählt.


    Zu überempfindlich? Sicher nicht. Auf der einen Seiten warben sie auf Flyern für Verständnis in der Gesellschaft und auf der anderen grenzen sie sich selbst gnadenlos vor Integrationsverweigerern ab, hinterfragen es gar nicht. Darum ist die klassische Stotterer Selbsthilfe nichts für mich.


    Deswegen war ich auch ein wenig überrascht über dich Hans, und natürlich ist mir bewusst, dass ich dafür eins auf den Deckel kriege, wenn auch nicht von dir. Du hast von den Stotterern erzählt, die Antidepressiva genommen haben. Meine Postings kennst du ja, weißt also, wo bei mir der Schuh drückt. Ohne lange Vorrede gleich zum Punkt. Was läge da näher, sich mal Gedanken darüber zumachen, ob man einen Kontakt herstellen könnte. Vielleicht hat ja der eine oder andere ähnliche Wünsche. Was meinst du?


    Gruß, Jürgen

  • Jeder geht halt anders damit um und das sollte man auch respektieren,auf das bezogen was du geschrieben hast,wie man dir gegenübergetreten ist.

    Also ich meine damit,dass man deine Haltung dazu respektieren muss.

    Ich selber war noch in keiner SHG,kann deswegen schlecht mitreden.