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Martina berichtet ausführlich nach 2,5 Jahren Stotterer-Training

Lieber Hans,

nach zweieinhalb Jahren im Stotterertraining möchten wir Dir nochmals Dank sagen.

Alexander stotterte seit seinem 4. Lebensjahr. Anfangs dachten wir, es handelt sich um ein Entwicklungsstottern und beachteten es gar nicht. Aber es ging nicht weg und die Kindergarten-Erzieherin empfahl uns, zur Logopädie zu gehen. Insgesamt waren wir dann dort über 7 Jahre lang 1 x wöchentlich in Behandlung für 45 min. In dieser Zeit wurden spielerisch die verschiedenen Sprechtechniken gelehrt, aber die Umsetzung zu Hause gelang nicht.

Mir als Mutter ging das Stottern gehörig auf den Geist. Anfangs ignorierten wir es, weil wir ihm nicht die Sprechfreude nehmen wollten, aber im Laufe der Jahre wurde ich ungeduldiger, weil ich merkte, dass unser Kind sich immer mehr zurückzog. Ich wusste, dass das Stottern zwar nur einen kleinen Teil von Alexander ausmachte, aber vielleicht bin ich auch zu perfektionistisch und fand es ungerecht, dass wir ein Stotterkind haben. Ich habe mich deshalb oft gefragt, ob wir was falsch gemacht haben. Auch hatte ich Ängste, wie unser Kind in der Welt außerhalb unserer geschützten Familie behandelt wird. Wird er von Mitschülern gehänselt? Ich machte mir schon viele Sorgen wie seine Zukunft aussehen wird, weil er ja auch so zurückhaltend und gehemmt war. Uns wurden eigentlich unbeschwerte Jahre genommen.

Ich spürte auch, dass andere vielleicht von uns dachten, wir würden unsere Kinder schlecht behandeln, deswegen stottert unser Kind. Im nach hinein denke ich, dass Alexander im Kindergarten die Trennung von mir nicht verkraftet hat. Er bekam dort ein Schockerlebnis, weil er dort anfangs ohne meine Begleitung allein bleiben musste. Oft kam er auch aggressiv zurück nach Hause, weil er wahrscheinlich sich nicht traute, dort Sachen zu machen auf die er Lust hatte, aber sich nicht traute es zu sagen. Zu Hause ließ er den Dampf ab, weil er immer mehr zum Beobachter wurde.

Ich wollte deshalb was unternehmen und wurde übers Fernsehen auf del Ferro aufmerksam. Die Logopädin riet jedoch ab, weil dort mit viel Druck gearbeitet wird. Auch machte ich in Ravensburg die Sprachheilschule ausfindig, die sogar ein Internat anbieten, aber mein Kind weigerte sich, z.B. einen Ferienkurs dort zu machen. Ich war sauer, weil ich wusste es gibt Hilfe, aber mein Kind will es nicht. Wahrscheinlich hatte er Angst.

Mit 13 Jahren kam es dann zum Schlüsselerlebnis. Er sollte sich bei den Konfirmanden namentlich vorstellen, aber er hatte einen Hänger und war ganz hilflos. Ich habe für ihn geredet und ihm zu Hause gesagt, Hans Liebelt macht im Schwarzwald Kurse mit Kindern, die nur eine Woche dauern. Alexander zeigte sich mutig, und nachdem ich ihn mit einer Schlagzeugtrommel bestochen habe, meldete ich ihn telefonisch für den Julikurs 2005 an. Vorher habe ich noch mit einer Mutter aus Mannheim telefoniert, die mir auch zugesprochen hatte, es zu wagen. Mein Mann war über die hohe Geldsumme erschrocken, noch dazu, dass die Kasse wahrscheinlich nichts bezahlt. Ich blieb hartnäckig und sagte, wir probieren es, denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Alexander blieb dann allein die Woche in Wildberg, da ich arbeiten musste, aber Mütter, die dort blieben, versprachen mir, auf ihn aufzupassen. Beim Abholen wurde ich schon darauf aufmerksam gemacht, dass mein Sohn die besten Fortschritte innerhalb der Gruppe gemacht hatte. So viel Freude habe ich beim Wiedersehen noch nie gespürt. Sein offener, aufrichtiger Blick, sein Körpersprache, seine Sprechfreude, es war überwältigend, ich musste weinen. Auf der Heimfahrt sprach er soviel wie nie zuvor.

Seit dieser Woche hat sich Alexander total verändert, dank Dir und den vielen Facetten des Stotterertrainings, die ihn auch bei der Persönlichkeitsbildung reifen ließen. Er

  • wurde selbstsicher
  • wurde selbstbewusst
  • bekam eine feste Stimme
  • geht seither auf andere zu
  • traut sich Fremde anzusprechen
  • telefoniert ohne Angst
  • hält Referate
  • hat sein Lachen wieder gefunden
  • ist unbeschwert

Danke Hans, dass Du Alexander zu einem selbstbewussten Jungen gemacht hast, der unheimlich schnell erwachsen wurde. Ohne Angst kann ich sagen, er macht seinen Weg. Unsere Familie ist dadurch wieder unbeschwerter geworden. Alexander hat durch das Stotterertraining ehrliche Freunde gefunden, die ähnliche Ängste und Sorgen und Probleme hatten. Du betreust alle Teilnehmer sehr persönlich, für Dich sind die Menschen keine Geschäftsfälle sondern Betroffene, denen Du helfen kannst, wenn sie es wollen.

Für uns bist Du ein Glücksfall, der Alexander zu einem Menschen reifen ließ, der aufrecht durchs Leben gehen wird.

Danke Hans!

Fam. Fechtig